Kultur zwischen Strand und Meer: ein Interview mit Michelle Bley von Musiker ohne Grenzen

Heute mal ein etwas anderes Thema. Natürlich kommen die Touristen wegen der grandiosen Natur nach Galapagos. Aber wie sieht es mit kulturellen Veranstaltungen vor Ort aus – auch für die Einheimischen?

Um die Frage zu beantworten, habe ich mich mit Michelle getroffen.  Sie kam nach Abschluss ihres Abiturs mit „Musiker ohne Grenzen“ nach Ecuador. Musiker ohne Grenzen begründet ein weltweites Netzwerk kreativer Musikprojekte mit dem Ziel, Menschen einander näher zu bringen und ihnen unabhängig von ihrer Lebenssituation einen Zugang zur Musik zu ermöglichen.

Steckbrief:
Name: Michelle
Alter: 18 Jahre
- kommt aus Ostfriesland
- spielt seit 12 Jahren Geige, seit 2 Jahren Klavier und hatte 1 Jahr Gesangsunterricht
- seit 3 Jahren im niedersächsischen Landesjugend- und Symphonieorchester

Michelle hat erlebnisreiche Monate hinter sich und fliegt heute nach Deutschland zurück, um dort im Herbst ein Studium anzufangen.

Michelle, was verschlug dich nach Galapagos?

Also, nach dem Abi wollte ich erst mal eine Auszeit, nicht direkt studieren. Und, unter anderem, wollte ich das gerne mit der Musik verbinden. Da bin ich beim Recherchieren auf die Seite von Musiker ohne Grenzen gestoßen, die seit 8 Jahren junge Musiker unter anderem nach Ecuador schicken, um dort an verschiedenen Musikschulen zu unterrichten, die sie selber aufgebaut haben. Eine Musikschule ist auch hier auf Galapagos im Aufbau. Ich hatte mich dann im letzten Jahr dafür beworben und eine Zusage bekommen und habe gesagt: „Ja, los geht’s“. Ich hatte dann ungefähr ein dreiviertel Jahr Zeit zum Arbeiten, habe mir ganz viel selbst erspart und bin dann los mit meiner Geige – also ich gebe hier Geigenunterricht – und … ja, bin so hier angekommen.

Wie ist es denn dann weiter gegangen mit deinem Auslandsaufenthalt?

Man muss sagen, der ganze Trip hier war nicht so das Goldene vom Ei, denn ich hatte, so schön das auch alles klingt, erst mal ziemlich viele Probleme, bis ich überhaupt auf den Galapagosinseln angekommen bin. Denn wie das so ist, achtet Galapagos an sich sehr darauf, dass hier nicht jeder einreisen darf und dass hier nicht jeder wohnen darf, wie er lustig ist – es müssen viele Auflagen erfüllt werden. Anfangs scheiterte meine Einreise einfach an der Beschaffung einer temporären Residenz, die ich benötige, um länger als zwei Monate bleiben zu dürfen. Wir haben gerade mit dem Musikprojekt zu einer neuen Partnerorganisation vor Ort gewechselt, die aber leider sehr langsam gearbeitet hat und dass, obwohl ich schon in Guasmo sur, im Süden von Guayaquil saß und drauf gewartet habe. Dementsprechend war das eine ziemlich harte Zeit, weil Guasmo sur - würde man so sagen - eine der unangenehmsten Ecken Guayaquils ist. Es ist sehr gefährlich und nicht selten, dass dort Leute erschossen werden. In der Nachbarschaft habe ich dort alles sehr intensiv mitbekommen. Man konnte das Haus nicht alleine verlassen und war absolut eingeschränkt. Dort musste ich sechs Wochen ausharren, bis ich überhaupt Rückmeldung von der Partnerorganisation bekommen habe. Ich habe dann auch nach der sechsten Woche für mich entschieden, ich möchte nicht mehr warten, ich möchte jetzt rüber auf die Inseln und bin als Tourist eingeflogen. Damit habe ich meine Reisezeit auf bald zwei Monate verkürzt. Rückblickend war das aber völlig o.k., denn es war gar nicht so verkehrt, dass ich solange in Guasmo war. Ich habe in der Musikschule, die wir dort haben von Musiker ohne Grenzen, tolle Menschen kennengelernt. Meine provisorische Gastfamilie war super lieb, wir haben einen tollen Ausflug nach Riobamba gemacht: Riobamba liegt im Hochland von Ecuador und wir mussten fast 7 Stunden mit dem Bus fahren, um dann in Eiseskälte ein ganz tolles Karnevalsfest zu feiern. Mit viel Tradition, speziellem Essen und traditionellen Trachten, es war absolut verrückt. Ich habe die Küste von Ecuador gesehen, Playas, weil dort auch noch ein Musikprojekt liegt. Ja, ich hab einfach mal ein komplett anderes Leben mitbekommen, was ich so nicht gesehen hätte. Denn Guasmo ist auch ziemlich arm. Ich habe dort in einem Haus gelebt mit 13 Personen, ein Mehrgenerationshaus, mit fünf kleinen Kindern, die Großeltern, deren Kinder, die schon Kinder hatten und die als komplette Familie mit in dem kleinen Haus wohnten. Mit im Haus wohnten Hühner, die die Familie selber gehalten hat, Katzen und Hunde. Das Wasser hatte eine schlechte Qualität (Anmerkung: die Versorgung mit sauberem Trinkwasser aus der Leitung ist in vielen Teilen Ecuadors nicht gewährleistet) und man hat gesundheitlich auch mal was davongetragen. Es gab eine Eimerdusche. Zu Essen gab es hauptsächlich Reis und selbstgemachte Suppen, in der ab und zu ein paar Stücke Schwein oder Rind auftauchten. Ja, dementsprechend war das eine harte Zeit, eine ereignisreiche Zeit und eine mich selbst weiter bringende Zeit.

Hier auf Galapagos habe ich ein ganz anders Leben und kann das viel mehr wertschätzen.

Also warst du sechs Wochen in Guasmo und danach zwei Monate auf Galapagos. Nächste Woche geht es ja für Dich wieder zurück nach Deutschland. Was konntest Du denn musikalisch in der Zeit auf die Beine stellen?

Also man muss natürlich sagen, dass es in Guasmo schwierig war anzuknüpfen, einfach, da man immer das Gefühl hatte, es geht gleich weiter. Aber ich habe dort trotzdem Musik gemacht. Wir haben zum Beispiel einmal bei einer Veranstaltung der Handels- und Kulturkammer musiziert. Die Big Band ist aufgetreten und ich habe mit jemand anderem dort Geigenduos gespielt. Es war eine super Erfahrung und eine gute Werbung für die Musikschule. Wir haben uns auch in Guayaquil mitten ins Zentrum gestellt und dort einfach Musik gemacht und gesungen mit einem Banner von Musiker ohne Grenzen, um auf die Musikschule aufmerksam zu machen. Ja und hier auf Galapagos ging es dann erst einmal richtig los mit dem Musikunterricht.

Michelle beim Geigenunterricht
Michelle beim Geigenunterricht

Zunächst musste ich Plakate gestalten und aushängen, dann trudelten nach und nach die ersten Anmeldungen ein. Ja, man muss sagen, dass hier alles noch sehr in den Kinderschuhen steckt. Dementsprechend musste ich hier viel erst mal organisieren, schauen, wie viele Instrumente werden hier zur Verfügung gestellt. Wir haben eine neue Kooperation hier auf der Insel, weswegen wir neue Räume bekommen, die aber erst mal fit gemacht werden mussten. Die Instrumente mussten inspiziert werden, es mussten neue Geigensaiten gekauft werden und aufgezogen werden. Erstmal grundlegendes. Und dann hatte ich tatsächlich auch meine ersten Schüler. Ich habe jetzt insgesamt fünf Geigenschüler. Und ja, damit ist ein kleiner, aber vielleicht großer Schritt für die Organisation Musiker ohne Grenzen getan. Und ich gebe meinen Stab sozusagen an die neuen Freiwilligen ab, die dann Ende April hier einreisen und meine Schüler für Geige übernehmen und neue Schüler suchen für Klavier, Schlagzeug und Bass.

Meinst du, dass die zukünftigen Freiwilligen es bei der Einreise leichter haben werden?

Also, das gute ist, derjenige, der bei meinen Dokumenten sehr geschlafen hat, hat die Arbeit bei der Partnerorganisation beendet. Daher steht dort jemand Neues, der sich kümmert und sehr motiviert ist und habe ich die Hoffnung, dass es nun besser funktioniert. Die Dokumente sind auch bereits schon in Arbeit, bevor sie nach Ecuador einreisen. Ich bin guten Mutes, dass sie nicht solche Probleme haben wie ich.

Wie ist denn dein Fazit von deiner Zeit in Ecuador?

Also ich muss sagen, es war keine einfache Zeit und es war nicht das direkte Ticket ins Paradies. Denn Guasmo ist ganz sicher kein Paradies. Und auch hier mit meiner ersten Unterkunft auf Galapagos fiel es mir nicht so einfach. Aber ich habe noch eine tolle gute Freundin kennengelernt, ich habe jetzt eine neue Wohnung, die wunderschön ist, die mehr ist, als man sich erhofft hätte, ich habe nochmal tolle Bekannte getroffen, ich habe auch viel das Land an sich kennengelernt, ich habe viel in die Mentalität schauen dürfen, hinter die Kulissen schauen dürfen, und dieses Gefühl wird man einfach mit nach Deutschland nehmen. Dieses Gefühl ist ein Gefühl der Dankbarkeit.

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Was organisiert Musiker ohne Grenzen für dich und was musst du selber organisieren?

Man muss sagen, dass Musiker ohne Grenzen eigentlich nur den Rahmen der ganzen Aktion hier schafft. Das heißt, wir arbeiten unter dem Namen, sie stehen uns 24 Stunden am Tag mit einer Notfallnummer zur Verfügung, sie organisieren für uns die Auslandskrankenversicherung, sie helfen uns bei Entscheidungen wie Flugbuchung, sie geben uns Tipps, sie geben uns eine Packliste, wir hatten ein Vorbereitungsseminar, um uns auf die schwierigen Verhältnisse – zum Beispiel in Guasmo – vorzubereiten. Dabei wird unter anderem besprochen, wie man mit moralisch schwierigen Situationen umgeht, zum Beispiel wenn die Kinder im Haushalt geschlagen werden. Also die meiste Arbeit erledigen sie mental. Finanziell mussten wir uns das alles selber organisieren. Sie standen uns aber auch mit Material zur Verfügung, wie man zum Beispiel ein Spendenkonzert organisiert, so wie ich das gemacht habe und auch mit Tipps, Arbeit zu finden. Wenn es gar nicht gehen sollte, werden sie auch schauen, ob sie Fördergelder für einen Volontär einsetzten können. Die Einheimischen kommen einem aber auch entgegen: Viele Gastfamilien, die dich aufnehmen, sind unglaublich dankbar, dass Du vor Ort bist und dort unterrichtest. Dementsprechend ist es auch in manchen Projekten in Ecuador so, dass man gar nicht für Unterkunft und Essen bezahlen muss. Mit ein wenig Arbeit vorher ist das absolut zu schaffen.

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Michelle, lieben Dank für das interessante Gespäch! Ich wünsche Dir eine gute Heimreise und viel Erfolg für die Zukunft!

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